Alle Jahre wieder: Proteste der Jugendhilfe


Vermeintliche Förderung auf Vorjahresniveau bedeutet Leistungseinschnitte für fast alle Jugendhilfeangebote!

Die Kostenstruktur in der Jugendarbeit besteht zu über 85% aus Fixkosten für Personal, Mieten und Betriebskosten. Der Rest sind Kosten für die inhaltliche Arbeit.

Allein die Betriebskosten sind in den vergangenen Jahren durchschnittlich um 5% pro Jahr gestiegen.

„Wir haben nichts gegen diese Kostensteigerungen in der Hand.“ erklärt die Geschäftsführerin des Stadtjugendrings Corinna Graf. „Trotz gesenkten Verbrauchswerten müssen wir für das vergangene Jahr mehr als 300 Euro Betriebskosten nachzahlen, weil die Preise ständig steigen. Und wir haben nur eine vergleichsweise kleine Fläche - bei großen Einrichtungen, wie den Jugendzentren gehen diese Preissteigerungen schnell in den vierstelligen Eurobereich.“ Einem fatalen Irrtum erliegt also, wer mit gleichbleibender Förderung auch gleichbleibende Leistung impliziert.

Nachhaltige Jugendarbeit ist Beziehungsarbeit. Die einzige Stellschraube, die freie Träger der Jugendhilfe beim Sparen noch haben, sind die Gehälter ihrer Fachkräfte – die aber auch ihr ganzes Kapital sind. Wie sollen die Mitarbeiter Kindern und Jugendlichen stabile Beziehungen und Sicherheit vermitteln, wenn ständige Unsicherheit ihr eigenes Erwerbsumfeld prägt? Die Qualität in der Jugendhilfe steht und fällt mit motivierten Fachkräften.

Kürzungen von Fördermitteln bewirken einen überproportionalen Abbau von Fachkräften.

Ein Beispiel ist die Medienwerkstatt Leipzig des Soziokulturellen Zentrums „Die VILLA“, die Medienbildung für Kinder und Jugendliche aus ganz Leipzig anbietet. „Für die Bereiche Film, Fotografie, Computeranimation und Internet hatten wir ursprünglich zwei Medienpädagogen, einige Honorarkräfte sowie einen Koordinator und Technikbetreuer.“ berichtet VILLA-Geschäftsführer Oliver Reiner. „Nach mehrere Kürzungsrunden und gleichzeitigen Preissteigerungen wird das Geld im kommenden Jahr wohl nur noch für zwei Teilzeitstellen reichen.“ Investitionen in die Ausstattung müssen seit Jahren aufgeschoben werden. „Leipzig möchte im Bereich der Kreativwirtschaft punkten und vernachlässigt so sträflich den Nachwuchs. Da passen der politische Anspruch und die Wirklichkeit nicht zusammen.“ erkennt Reiner.


Leipzig hat sich 2006 heimlich, aufgrund von Sparvorgaben, von den bis dahin gemeinsam mit den freien Trägern vereinbarten fachlichen Mindest-Standards für die Jugendhilfe verabschiedet. Die Förderung der Projekte wurde damals um mehr als 10 Prozent zusammengestrichen. Seit dem hat sich am Förderniveau für die meisten Angebote nicht viel verändert: Es gab einige kleinere Kürzungen und einige kleinere Erhöhungen. Im Ergebnis liegt die Personalausstattung der meisten Angebote jetzt unter zwei Vollzeitstellen.

Für 2012 stehen bei vielen Angeboten Fördersummen im Raum, die noch unter denen nach der Kürzungswelle von 2006 liegen. Die Ausstattung mit Fachkräften bei den Angeboten der Jugendhilfe wird 2012 um mehr als ein Drittel unter den ehemaligen Fachstandards liegen.

Gleichzeit stiegen die Anforderungen für Qualitäts-Dokumentationen. So wurden standardisierte Konzept- und Sachberichtsraster und detaillierte monatliche Besucherstatistiken eingeführt. Aktuelle Entwicklungen führten außerdem zu neuen Netzwerken (Kinderschutz, Gewaltprävention …). Hierfür wird zusätzlich Arbeitszeit der Fachkräfte gebunden.

Die tatsächliche Zeit, die Sozialarbeiter für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben, sinkt damit weiter.

Jugendberufshilfe hat hohe Priorität. Dazu stehen wir und wir halten dies für richtig und wichtig. Allerdings sind die stetig steigenden Investitionen in diesen Teilbereich, aufgrund geringer werdender Mittel von Ko-Finanzierern wie dem ESF und dem Jobcenter nicht von den anderen Leistungserbringern der Jugendförderung allein zu stemmen. Die Kosten der Jugendberufshilfe stiegen in den letzten beiden Jahren um 27%. (Quelle: Stadt Leipzig, Jugendhilfeausschuss) Wir dünnen so die Jugendarbeit weiter aus, und damit ihre die präventive und bildungsbegleitende Wirkung.

Zusätzliche Kosten für Jugendberufshilfe müssen auch zusätzlich bereitgestellt werden!“

2012 kommt neu hinzu: Kommunal-Kombi und Arbeitsgelegenheiten in Entgeltvariante laufen 2012 komplett aus. Alternativen dazu sind nicht in Sicht. Fast ein Drittel aller Mitarbeiterinnen in den Jugendhilfe-Angeboten wird aktuell noch über Arbeitsförderungsmaßnahmen finanziert. Einmalige Angebote wie das Theatrium in Grünau warnen schon seit Monaten vor dem Zusammenbruch. Sechs der zehn Mitarbeiterinnen dort werden noch über Arbeitsförderungsmaßnahmen finanziert und fallen 2012 weg.

Die Arbeitsgemeinschaft der freien Träger der Jugendhilfe (AGFT), der Stadtstadtjugendring Leipzig (SJR) sowie die Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände (AGW) fordern jetzt von Verwaltung und Stadtrat einen STOP des Raubbaus an der Kinder- und Jugendförderung und ihren Mitarbeitern.